women

WOMEN – Pop Songs und das Starke Geschlecht. Das 13. Konzert aus der der Serie „Ohrwürmer“ von Matthias Witting – Incl. 23 Videos von Raimund Spierling. Impressionen aus dem Multimedia-Konzert live am 13.3.2026 in der Rundkirche Berlin Tempelhof s.u.

Neue Vinyl Art Arbeiten zu den Musiktiteln des Multimediakonzerts in der Ausstellung vom 6.3. bis Sonntag, 26.4.2026, Finissage 12.30 – 14 Uhr. Ein 160seitiger Katalog in limitierter Auflage ist verfügbar. Mit allen Songtexten, Videodokumentation und Vinyl Art „WOMEN“ und „COLORS“ sowie Epitaphs. https://unplugged.spierlingart.com/epitaphs/

ARIEL – Titel # 2 von 23. Composing aus Live-Aufnahme und Videoprojektion, Rezitation: Eva Blum, Arrangements und Piano: Matthias Witting, Orgel: Karolina Juodelyte, Saxofone: Thomas Keller, Videos: Raimund Spierling
SUZIE Q – Titel # 6 von 23. Composing aus Live-Aufnahme und Videoprojektion
GLORIA – Titel # 8 von 23. Live-Aufnahme und Videoprojektion
ELEANOR RIGBY – Titel # 19 von 23. Composing aus Live-Aufnahme und Videoprojektion
ROXANNE – Titel # 18 von 23. Composing aus Live-Aufnahme und Videoprojektion
LOLA – Titel # 3 von 23. Composing aus Live-Aufnahme und Videoprojektion

Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle und Acrylglas, à 31,3 x 31,3 cm
Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle und Acrylglas, à 31,3 x 31,3 cm
VENUS Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle + Acrylglas, 31,3 x 31,3 cm | Mixed Media auf Acrylglas, 90 x 90 cm
THE WIND CRIES MARY Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle + Acrylglas, 31,3 x 31,3 cm | Mixed Media auf Acrylglas, 90 x 90 cm
MOJO HANNAH Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle + Acrylglas, 31,3 x 31,3 cm
LSD Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle + Acrylglas, 31,3 x 31,3 cm | Mixed Media auf Acrylglas, 90 x 90 cm
LARAs THEME Vinyl Art, Raimund Spierling 2026, Mixed Media auf LP-Hülle + Acrylglas, 31,3 x 31,3 cm

Laudatio zur Ausstellung Women | Vinyl Art, Videos, Epitaphs von Ricarda Wallhäuser, März 2026

Guten Abend, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, willkommen zur Eröffnung von Raimund Spierlings Ausstellung Women, Vinyl Art, Videos, Epitaphs. Mein Name ist Ricarda Wallhäuser. Ich möchte Sie zunächst aus diesem Raum entführen und dann gemeinsam mit Ihnen durch den Haupteingang wieder eintreten. Sie können aber gerne sitzen bleiben.

Vor Kurzem sah ich die Malereien des einzigartigen Regisseurs David Lynch in der PACE Galerie in Schöneberg. Lynch hat in Philadelphia Malerei studiert und mit dem Filmemachen begonnen, weil er seine Bilder in Bewegung bringen wollte. Betrachtet man Lynchs Filme unter bildnerischen Aspekten, fällt auf, wie malerisch jede Einstellung komponiert ist. Musik spielt in seinen Filmen eine große Rolle. Diese Verbindung von Musik und Bild – auch im bewegten Bild – ist zentral für diese Ausstellung. 

Kehren wir zurück und betreten den Vorraum der Kirche. Dort sehen Sie Bilder aus der Serie UNPLUGGED – Collagen und Malereien auf LKW-Planen. Diese Arbeiten entstanden 2016 für die gleichnamige Ausstellung hier in der Rundkirche Berlin Tempelhof, in Zusammenarbeit mit Thomas Schubert, Lyriker, und Christoph Wilcken, Musiker. Schon in dieser Serie war die Verzahnung von bildender Kunst, Text und Musik zentral.

Treten wir nun in das runde Schiff der Kirche ein – und damit in die Gegenwart. In diesem Raum sehen Sie Arbeiten aus den Serien EPITAPHS (beidseits des Eingangs), Vinyl-Art mit der titelgebenden Werkgruppe WOMEN sowie einige Werke aus der Gruppe COLORS. Dazwischen fallen vier größere Formate auf: digitale Collagen auf Acrylplatte mit Malerei im Format 90 × 90 cm.

Vinyl Art. Bei der Serie Vinyl-Art handelt es sich – ich zitiere aus der Werkliste – um „23 Motive von Für Elise bis Venus, Sandwich aus übermaltem LP-Cover und bedruckter Acrylglasplatte mit digitaler Collage, 31,3 × 31,3 cm, größtenteils mit Original-LP, -Single oder -CD, aus dem Jahr 2026“. Die Gemeinsamkeit der Serie Women ist, dass es bei allen Musikstücken um Frauen geht. Im Konzert am 13. März, mit den Arrangements von Matthias Witting, können Sie tief in die Songs eintauchen und die Verbindung von musikalischer und visueller Komposition als animierte Collagen erleben.

Collage als Aneignung. Was ist das für eine künstlerische Geste? Raimund Spierling eignet sich Alben und Songs durch seine Collagen an. Die Vinylscheibe – Gegenstand gewordene Musik, eine käuflich erworbene Reliquie der Stars – ist ein schwarzer Kreis aus Vinyl mit feinen Rillen, wie die Ringe des Saturn. Und in diesen Rillen: eine ganze Welt.

Man kann sich Platten kaufen, nach Hause tragen. Wühlen Sie in Plattenläden? Ich stamme, wie Raimund Spierling, aus NRW und pilgerte als Jugendliche nach Köln zu Saturn-Hansa – Jahre, bevor daraus die Elektronikmarkt-Kette wurde. Saturn bot auf mehreren Etagen eine enzyklopädische Auswahl an Schallplatten. Man musste sich durch kleinstbedruckte Kataloge wühlen und die Tonträger nach Nummern in langen Regalreihen suchen. Die Trophäen dieser Jagden verwandelten das piefigste Jugendzimmer im engsten Dorf plötzlich in New York oder London, in das CBGB oder Studio 54, in einen Underground-Club oder eine glitzernde Discowelt. Die schwarze Traumscheibe: der demokratische Körper der Musik.

In seiner Vinyl-Art nimmt Raimund Spierling eine Verwandlung des Produkts Schallplatte vor. Er bespielt die Hülle des zugleich heiligen und profanen Musikobjekt, gibt ihr ein neues Gesicht aus Farbe, Zeichnung, Typografie und Bild. Aneignung, vielleicht Sakrileg – auf jeden Fall eine tiefe Verneigung. Die Schallplatte bleibt eigenständiges Objekt: Man kann sie von der Acrylplatte lösen, auf den Plattenteller legen und lostanzen. Das Cover jedoch wird bemalt. Aus dem Massenprodukt Tonträger entsteht dabei etwas Einzigartiges – so wie das Erlebnis, das jeder Mensch mit einem Song verbindet.

Eine fast Trotzige Geste: So, das ist jetzt meins. Hier wird die Vereinnahmung öffentlich. Song-Erinnerungen des Publikums treffen auf Spierlings Interpretation. Ein Antanzen der Assoziationen von Publikum und Künstler.

Ich erinnere mich and die Arbeit in einer Buchdruckwerkstatt bei Kursen während meines eigenen Studiums der visuellen Kommunikation. Man zog winzige Bleilettern mit einer Pinzette aus dem Setzkasten, klapperte mit handtellergroßen Holzlettern, baute mit dadaistischer Freude am Unsinn Buchstabenbilder. Man erkannte: Die Wirkung eines Buchstabens erschöpft sich nicht in seiner eigenen Form. Es zählt auch der Freiraum, der ihn umgibt. In der Fachsprache der Grafiker:innen nennt man das die Gegenform. Das Form-Gegenform-Prinzip ist grundlegend für visuelle Gestaltung. Nicht allein die Motive, sondern gerade die Zwischenräume machen das Bild aus. In der Gestaltpsychologie spricht man vom Figur-Grund-Prinzip: Der Mensch versucht stets, Hintergrund und Vordergrund zu unterscheiden. Spierling spielt virtuos mit Formen und Gegenformen, setzt Akkumulationen und Freiräume.

Vinyl Art „art school canteen“, gewidmet Manfred Vogel (links), rechts im Bild: Vollmer, Spierling, Happe-Stroex

Material: Buchdruck, Zeichnung, Collage, Glasmalerei. Musik als roter Faden, der sich durch ein Leben zieht – durchwirkt von anderen roten Fäden: Materialien, mit denen Raimund Spierling zwischen Design und Kunst arbeitet: Fotocollage, Zeichnung, Malerei und Typografie. Spierling studierte in Krefeld Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration, wo er auf den Maler und Professor Manfred Vogel traf – eine folgenschwere Begegnung, in malerischer Sicht. Zuvor absolvierte er eine Buchdruckerlehre. Buchdruck, die „schwarze Kunst“, mit Blei- und Holzlettern und fauchenden Heidelberger Druckmaschinen, die nach Farbe und Maschinenöl riechen.

Farbe, Zeichnung, Bilder, Typografie – all das fließt in Raimund Spierlings Collagen ein. Collage ist eine Technik, die Grafikdesign und freie Kunst verbindet – und nicht nur das: Sie versöhnt Frechheit mit Hingabe, ist augenzwinkerndes Layout mit widerspenstiger Persönlichkeit, entwickelt visuelle Eigendynamik. Raimund Spierling verknüpft hier die vielen Talente und Einflüsse seines Lebens: die Zeichnung, mit der er sich als Illustrator die Welt erschließt; die Typografie, deren Schriftbilder er als Drucker bis ins Detail verinnerlicht hat; Fotoelemente und Textelemente, mit denen er als Grafikdesigner geschickt jongliert. Alles kommt zusammen – und wird umarmt von Musik.

Noch ein spannendes Element in Spierlings Arbeiten: Licht. Betrachten Sie die vier großformatigen Arbeiten auf bedruckter Acrylplatte. Die Hintermalung lässt stellenweise Licht durch die Platte dringen. Raimund Spierling erzählte mir im Vorgespräch, dass es ein künstlerisches Vorbild in seiner Familie gibt: seinen Onkel Hubert Spierling, einen angesehenen Glasmaler und Maler, der zahlreiche Kirchenfenster in über 200 Kirchen gestaltete. Dass wir hier, in einem Kirchenraum, Malerei auf transparenten Acrylplatten vorfinden – ein Spiel mit der Durchlässigkeit des Bildträgers – ist ein lyrischer Zufall (wenn es einer ist), der auf die Familiengeschichte des Künstlers verweist.

Epitaphs. Die Rundkirche bildet den perfekten Rahmen für die Serie Epitaphs. Spierling verneigt sich mit diesen großformatigen, übermalten Collagen vor verstorbenen Ikonen der Musik: David Bowie, Amy Winehouse, Freddie Mercury, John Lennon, Leonard Cohen – um nur einige zu nennen. Musikgöttinnen und -götter, die sich bereits den Sternen des Himmels zugesellt haben. Das erste Epitaph entstand als Hommage an Bowie. Raimund Spierling nimmt auf seine Art Abschied: Er verwebt Textstücke mit Farbe und Zeichnung. Es sind seine Eintragungen ins Kondolenzbuch für die verstorbenen Musiker:innen – Fixsterne in seinem Leben.

Musik einer Generation. Liebes Publikum, viele von Ihnen haben mit großer Wahrscheinlichkeit emotionale Verbindungen zu einem oder mehreren Songs, die in dieser Ausstellung eine Rolle spielen: Soundtracks zu eigenen Erfahrungen von Liebe, Einsamkeit, Wut oder Glück. Beim Musikhören entsteht ein inneres Video, das Teil der persönlichen emotionalen Innenarchitektur jeder Hörerin und jedes Hörers wird. Raimund Spierling macht seine inneren Videos sichtbar – teilweise sogar bewegt, wie Sie bei der Orgelmusik gesehen haben.

Wie vorab erwähnt, können Sie die Musik zum Bild über Ihr Smartphone in den Raum holen und vor Ort eine hörbare Collage mit erschaffen. Nutzen Sie die Chance, eröffnen Sie den Soundbattle der Götter am Rock- und Pophimmel – und tauschen Sie sich über die inneren Videos aus, die Sie beim Hören der Musik haben. Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und beglückwünsche Raimund Spierling herzlich zu dieser Ausstellung. Vielen Dank.

Opening of the exhibition “Vinyl Art, Videos, Epitaphs” by Raimund Spierling, Berlin, Rundkirche Berlin Tempelhof, 2026. Music composed by Arkki Sven Tüür „Spectrum 1“ performed live on the organ by Vladimir Magalashvili. Spierlings video was projected onto the church dome during the performance.
Music composed by John Dowland, performed live on the organ by Vladimir Magalashvili. Spierlings video was projected onto the church dome during the performance.